Samsung ATIV SmartPC – Eierlegende Wollmilchsau? [Review]

Der PC-Markt ist seit einiger Zeit im Wandel, wobei Wandel noch stark untertrieben ist. Dank immer leistungsfähigeren Chips die zudem immer kleiner werden, wandelt sich der Bedarf der Nutzer (parallel zur zunehmenden Konnektivität durch die globale Vernetzung) immer stärker hin zu mobileren und trotzdem leistungsstarken Endgeräten. Tablets sind – seit Apples iPad als erstem erfolgreichen Vorreiter – immer stärker auf dem Vormarsch wenn es um den bloßen Genuss von Content ohne (komplexere) Interaktion geht.

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Wer arbeiten möchte, braucht ab einem gewissen Level noch immer eine vernünftige Tastatur und genau an dieser Stelle haben die Hardware-Hersteller derzeit ein Problem: Dank Windows 8 und Co. weiß man noch nicht wirklich wohin die Reise geht. Möchten die Nutzer Hybriden? Oder für jede Aufgabe das perfekt passende Gerät? Irgendwie wirkt es, als wurden einige Ideen hier an eine Wand geschmissen in der Hoffnung, dass einige auch kleben bleiben. Die “Hybriden” aus Tablet und Notebook sind für die Forschungsabteilungen der Unternehmen eine riskante Sache, da der Erfolg angesichts der Anzahl an möglichen Konzepten nicht garantiert ist.

Design:

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Samsung hat mit dem Samsung ATIV SmartPC noch eine der konservativsten Möglichkeiten gewählt: Ein Tablet mit Windows 8 und dazu eine Docking-Lösung die das Gerät um eine Tastatur ergänzt. Nimmt man das Tablet für sich, hat man ein 11.8 Zoll Tablet welches durch das Bildformat von 16:9 auf den ersten Blick ungewöhnlich lang wirkt, nach wenigen Minuten mit dem Gerät ist dies aber kein Problem mehr. In dem Tastatur-Dock wird aus dem Tablet ein Clamshell-Laptop mit kompakteren Abmessungen als sie einige Netbooks hatten. Optisch ist es leider trotzdem kein Highlight – dem Plastik sei Dank, doch dazu gleich mehr. Das Design als solches gefällt mir aber im Ansatz trotzdem gut: Ich brauche keine Umklapp-Laptops und ähnliche Experimente. Tablet+Tastatur=Notebook und daher finde ich die Hybrid-Art des ATIV SmartPC für mich persönlich am interessantesten. Klar, dünner und “schärfer” darf die Nummer gerne werden, aber für ein erstes Gerät in der Hybrid-Klasse ist das Design gut. Erst ein Laptop – ein Knopfdruck – dann ein Tablet.

Verarbeitung:

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Joa. Wenn es nach mir geht einer der wenigen Kritikpunkte bei dem Gerät. Mein derzeitiges Arbeitsgerät ist eine Samsung Series 9: Metall, leicht und dünn – aber eben auch ein reiner Laptop und kein Tablet. Wenn man dagegen den ATIV SmartPC nimmt, hat man ein mit 1.45 Kg rund 300 Gramm schwereres Gerät was zudem dicker ist (knapp 2 cm) und aus Plastik besteht. Klar, die Series 9 ist einer der extremsten Vertreter der Laptops, der ATIV SmartPC daher noch im Rahmen, wenn man nicht gerade wie ich verwöhnt ist. Derzeit wechseln die meisten Nutzer ohnehin von 2-4 Jahre alten Notebooks mit Totschläger-Format (meiner Meinung nach), da ist ein ATIV SmartPC ein echtes Leichtgewicht gegen. Mein Problem habe ich aber trotzdem mit dem Plastik. Samsung sollte es einfach besser können, schaut man sich etwa ein ASUS Vivo Tab (mit unnötigem Windows RT) an, wirkt dieses einfach deutlich wertiger. Bei der blauen Version des SmartPC hat man ständig Fingerabdrücke und es wirkt nicht wirklich wertig. Die weiße Version hatte ich auf der IFA in den Fingern, wenn würde ich wohl zu dieser greifen – hier ist das Problem nicht ganz so tragisch.

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Zu dem Plastik kommen noch die Abdeckungen der Anschlüsse: Plastik an Gummi. Erstens mag ich solche Knibbeleien nicht und zweitens will ich bei einem Gerät für 700€ ohne Tastatur nicht die Angst haben, dass ich nach sechs Monaten die Hälfte der Abdeckungen abgerissen habe. Das klingt jetzt alles ziemlich rabiat, mir geht Samsungs Plastik derzeit auf die Nerven. Mit der Series 9 hat man ein ziemlich geiles Stück Metall geschaffen, mit dem ATIV SmartPC geht man wieder einen Schritt in die falsche Richtung. Klar, Metall wiegt mehr und der Empfang ist gefährdet – aber warum schaffen es dann andere? Besonders leicht ist der ATIV SmartPC mit rund 744 Gramm ist das Tablet alleine verhältnismäßig schwer, im Dock werden daraus 1.45 Kg … für einen Laptop wiederum ok.

Display:

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Kein Glanzstück, aber auch kein Problem: 11.6 Zoll LCD mit einer HD-Ready Auflösung von 1366×768 Pixeln. Nicht so gestochen scharf wie etwa ein Google Nexus 10, aber für einen Laptop noch so gerade ausreichen. Wer dagegen ein Nexus 10 oder ein iPad 4 als Referenz hat, wird enttäuscht sein. Ich hatte bei meinem Testgerät bei einem schwarzen Testbild ein leichtes Backlight Bleeding, also kleinste Lichthöfe an den Rändern. Ach und eine Vermutung: Mit einer höheren Auflösung dürfte der Desktop-Mode bei Windows 8 kaum noch mit den Fingern zu bedienen sein.

Anschlüsse und Buttons:

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Am Tablet selber findet sich ein richtiger USB 2.0-Anschluss (für ein Tablet ein Novum), ein MicroHDMI-Anschluss, ein Steckplatz für eine MicroSD (64GB funktionierten bei mir ohne Probleme), in der 3G-Version ein SIM-Slot und an der Seite noch ein Anschluss für das groß dimensionierte Ladekabel (dafür aber auch mit hoher Ausgangsleistung). Trotzdem: Laden per universellerem USB wäre mir lieber gewesen, hätte aber vermutlich nicht die nötige Leistung gebracht.

Hardware und Leistung:

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Tjoa, eine Rennmaschine ist das nicht – dem normalen Nutzer reicht die Kiste aber locker aus. 2GB RAM, ein Atom Z2760 Dual-Core mit bis zu 1.8 GHz pro Kern und eine PowerVR SGX 545 GPU, dazu 64 GB eMMC-Speicher soweit ich das sehen konnte. Reicht für die Alltagsaufgaben aus, auch 1080p-Flash-Videos liefen ruckelfrei im Browser. Wenn man Adobe Photoshop gestartet hat, reichte die Zeit nicht ganz zum Kaffee holen. Klar dauert es länger als bei einer Series 9 mit SSD und i5, trotzdem reichte die Leistung für den Alltag (Surfen, Emails, Office und Co.) aus.

Als Betriebssystem gibt es Windows 8 in der 32-bit Version, da der Atom Z2760 anscheinend nicht mehr unterstützt – das ist glücklicherweise auch etwas kompakter als die 64-bit Version. Platz ist bei Windows 8 ja ohnehin ein Problem: Von den 64 GB blieben bei mir nach dem ersten Start und den ersten Updates noch rund 32 GB übrig, wobei 6 GB davon Samsung mit einer Recovery-Partition belegt. Trotzdem: Auf dem Gerät gibt es richtiges Windows 8 und nicht so einen Windows RT Müll.

S-Pen und Akku:

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Samsung packt in den ATIV SmartPC einen S-Pen wie bereits in das Galaxy Note 10.1 oder das Note II. Leider ist er weniger stark in das System integriert und kann nur in einer speziellen App sein Potential annähernd zeigen. Ich hätte gerne wie auf einem Galaxy Note II automatische Screenshots und Co. im gesamten System. Außerdem hätte man den S-Pen deutlich wertiger machen können, er wirkt in dieser Form leider wie ein billiger Kugelschreiber. Bei einem 180 Gramm Note II verständlich, bei einem 744 Gramm ATIV SmartPC hätten 5 Gramm mehr für einen schwereren Stift auch kein Drama dargestellt.

Der Akku hält für ein Notebook erstaunlich lange durch. 8 Stunden sind durchaus zu schaffen, leider hat man in dem Desktop-Dock keinen zusätzlichen Akku untergebracht sondern das für ein Dock nötige Gewicht lieber über eine Halterung aus Metall realisiert.

Fazit: Ich mag die Kiste.

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Wer wirklich einen Hybriden für verschiedene Situationen haben möchte, ist mit dem ATIV SmartPC gut dabei. Am Schreibtisch konnte ich bequem darauf arbeiten, danach einen Knopf drücken und mit mit dem Tablet auf das Sofa legen. Für Windows 8 fehlt es aber noch unglaublich stark an optimierten Apps, zumindest für Gelegenheitszocker ist das System daher noch immer nicht geeignet. Der Preis ist für Tablet (699€) und Tastatur zusammen mit etwas über 800€ doch recht hoch, dafür gibt es auch schon Ultrabooks mit deutlich mehr Leistung. Klar, das sind keine Hybriden, aber ob der normale Nutzer dann nicht lieber zu einem klassischen Notebook greift … ich denke das dies wohl der Fall sein dürfte. Auch stört mich der Kunststoff, Samsung verlangt hier im Vergleich zur Konkurrenz recht hohen Preis und da erwarte ich einfach mehr – und bin auch mehr von der Series 9 (Review hier) gewohnt. Trotzdem: Ich mag die Kiste. Keine eierlegende Wollmilchsau, aber ein guter Kompromiss.

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